Der Naturist: Nackt in einem französischen FKK-Camp

Dieser Monat im französischen Naturistencamp CHM Montalivet kam ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Das Nacktsein spielte nach anfänglicher Scham kaum eine Rolle, viel mehr begeisterten mich das einfache Leben im Freien und die spannenden Menschen, die ich ohne äußere Hülle kennenlernen durfte.

Im Jahr 2018 begibt sich Sebastian auf eine Reise. 12 Rollen in 12 Monaten. Unter anderem lebt er anonym, frutarisch, nackt, pilgernd und autark. Die Experimente stehen für das Neue, für den Schritt heraus aus der Komfortzone. Seine verrückten Erlebnisse und Erkentnisse hat er in einem unterhaltsamen Buch aufgeschrieben.

Zum Buch "12 Neue Leben"

Hintergrund zum Selbstversuch: Der Naturist

Meine Leser hatten abgestimmt. Im Mai 2018 sollte ich als Naturist nackt in ein FKK-Camp gehen. Die Idee zu diesem Experiment stammte von einem Leser, der mich überhaupt erst auf die Bewegung des Naturismus gebracht hat. Zum einen wollte ich den nackten Alltag ausprobieren, weil es meilenweit außerhalb meiner Komfortzone liegt, und ich gespannt war, ob und wie schnell die Scham vergeht. Zum anderen war ich sehr neugierig darauf, wie eine Gemeinschaft funktioniert, in der Äußerlichkeiten keine Rolle spielen.

Für 30 Tage sollte ich also in ein Naturistencamp ziehen und keine Kleidung tragen. Ich wollte mich Aktivitäten anschließen und verstehen, was Naturisten zu diesem Lebensmodell bewegt. Und ich wollte einen Monat lang so natürlich wie möglich leben, mit größtmöglichem Verzicht auf Strom, Internet und Konsum.

Ziele und Regeln für den Selbstversuch:

  • einen Monat lang unbekleidet in einem Naturistencamp leben
  • die Scham vor der eigenen Nacktheit ablegen
  • den Geist von Anhängern der Freikörperkultur verstehen
  • die Natur und den eigenen Körpern nackt erleben

 

Als mich Pio Ende letzten Jahres anschrieb und mir sagte, dass ich für eines meiner Monatsexperimente in 2018 unbedingt ins FKK-Camp nach Montalivet kommen sollte, war ich sofort begeistert. Dort hatte in den 1950er Jahren die europäische Naturistenbewegung schließlich ihren Ursprung genommen.

Da ich in Ostdeutschland aufgewachsen bin, war das Konzept für mich nicht neu, meine Erinnerungen an die Familienurlaube an der Ostsee jedoch durchwachsen. Eine gute Möglichkeit also, dem nackten Alltag nochmal eine Chance zu geben.

Am ersten Tag nach meiner Ankunft empfing mich der Dichter Mick mit den Worten „Welcome to Paradise”. Die gleiche Begrüßung sollte ich den folgenden Tagen noch mehrmals hören. Am Ende des Monats konnte ich verstehen, warum Monta (die liebevolle Abkürzung für den Ort Montalivet) diese ganz besondere Anziehungskraft auf Menschen hat.

Hüllenlos und unbeschwert
Hüllenlos und unbeschwert

 

 

Naturismus als Lebensart

FKK ist die Abkürzung für Freikörperkultur. International üblich sind eher die Begriffe Naturismus und Nudismus. Die Anfänge der Freikörperkultur liegen in Deutschland und auch heute bilden die Deutschen den Großteil der Bewegung. Das Nacktsein steht dabei in keinerlei sexuellem Bezug.

Die Definition der “Internationalen Naturisten Föderation” (INF-FNI) lautet: “Naturismus ist eine Lebensart in Harmonie mit der Natur. Sie kommt zum Ausdruck in der gemeinschaftlichen Nacktheit verbunden mit Selbstachtung sowie Respektierung der Andersdenkenden und der Umwelt.”

Weltweit gibt es organisierte Naturisten in 30 Föderationen, davon allein in Europa 24. In Deutschland sind ca. 35.000 Menschen im DFK und in über 150 FKK-Vereinen organisiert, deren gemeinsames Anliegen die Freude am Erlebnis der Natur ist.

Der erste FKK-Verein wurde 1898 in Essen gegründet. Um 1900 wurde das Nacktbaden dann im Raum Berlin und an Nord- und Ostsee immer beliebter. Zur gleichen Zeit begann auch die naturistische Bewegung in Frankreich.

In den 1920er Jahren schlossen sich viele Vereine zusammen zur „Arbeitsgemeinschaft der Bünde deutscher Lichtkämpfer” (ab 1926 “Reichsverband für Freikörperkultur”). 1930 wurde eine „Europäische Union für Freikörperkultur” gegründet.

Die Bewegung breitete sich weiter aus und erste Vereine wurden in Großbritannien und Australien gegründet. Doch bereits 1933 wurde ein Nacktbadeverbot ausgesprochen und die FKK-Bewegung von der NS-Ideologie zunächst bekämpft. Nach Kriegsende entwickelten sich die Initiativen wieder weiter, im Westen vor allem in Vereinen.

In der DDR herrschte ab den 70er Jahren eine größere Offenheit als in der Bundesrepublik und Nacktbaden war weit verbreitet. Für die meisten Bürger war das Nacktsein ein Ausdruck von Freiheit, für einige aber auch politischer Protest.

Eine besondere Rolle spielt der Sport. FKK-Vereine und Ferienanlagen bieten den Mitgliedern die Möglichkeit, verschiedene Sportarten auszuüben. Dabei stehen gemeinschaftliche Aktivitäten im Vordergrund und kein Leistungssport. So auch in den zahlreichen Urlaubscamps, die sich vor allem in Frankreich und Kroatien befinden.

Aktuell gehen die Zahlen der Vereinsmitglieder eher zurück. Nacktbaden ist an vielen Stellen toleriert. Die „Nackerten” an der Münchner Isar sind in jedem Reiseführer aufgeführt und immer wieder gibt es öffentliche Veranstaltungen wie Festivals oder Läufe für Nudisten. FKK-Kreuzfahrten oder Familienfeste sorgen nicht mehr für Skandale. Auch Promis bekennen sich zum Nacktbaden oder betreiben Nackt-Yoga.

 

 

Das CHM Naturistencamp in Montalivet

1950 gründeten Albert Lecocq, seine Frau Christiane und einige Freunde das europaweit erste FKK-Urlaubszentrum. Bereits 1965 schon wurde die Grenze von 5.000 Besuchern in einem Jahr überschritten, was die Popularität von nacktem Urlaub unter Beweis stellte.

Heute erstreckt sich das Naturistencamp CHM über eine Fläche von 200 Hektar, gepflastert mit einem Pinienwald, wunderschönen Dünen und einem 2 km langen FKK-Strand.

Während der Hochsaison im Sommer befinden sich im CHM bis zu 12.000 Menschen. Im Juni, als ich dort war, waren es noch deutlich weniger. Durch die riesige Fläche hatte ich auch bei höherer Auslastung am Monatsende das Gefühl, genügend Platz und Privatsphäre zu bekommen.

Einige der ursprünglichen Bungalows, die zur Miete angeboten wurden, stehen immer noch auf dem Gelände. Sie enthalten eine kleine Kochnische, eine Außendusche, aber keine Elektrizität.

Einer der ersten Bungalows aus den 50er Jahren
Einer der ersten Bungalows aus den 50er Jahren

 

Der Großteil der ursprünglichen Bungalows wurde jedoch um- und ausgebaut. Die meisten von ihnen verfügen heute auch über Elektrizität und Wasser. Neben den Bungalows gibt es Stellplätze für Zelte und Wohnmobile, Ecolodges (siehe Foto) und Mobilheime, die zu großen Teilen im Besitz von wiederkehrenden Besuchern sind.

Die Ecolodge, in der ich einen Monat lang gewohnt habe, war im Grunde ein Zelt auf festem Holzboden. Drinnen befanden sich ein gemütliches Bett, ein paar Regale und eine Kochnische mit Kühlschrank. Die meiste Zeit verbrachte ich auf der kleinen Terrasse.

Mein Zuhause für einen Monat – die Ecolodge
Mein Zuhause für einen Monat: Die Ecolodge

 

Nach meiner Ankunft bekam ich als Neuling eine Einweisung zu den Verhaltensregeln im Camp, die sehr ernst genommen und von einem Sicherheitsdienst überwacht werden. Dazu gehört der respektvolle Umgang untereinander, der Natur und allen Dingen gegenüber.

Kameras sind auf dem Gelände verboten. Nacktsein wird bei gutem Wetter vorausgesetzt, vor allem am Strand. Bekleidung ist okay in den Abendstunden, beim Einkaufen und für Frauen, die ihre Tage haben.

Monta-Attitüde
Monta-Attitüde

 

Auf dem Gelände findet man eine Therme, zwei Schwimmbäder, ein Fitnessstudio, Restaurants, Bars, Supermärkte, Bäcker, Fleischer, einen Friseur und weitere Läden. Es gibt also eigentlich keinen Grund, das Camp zu verlassen.

Auch für Freizeitaktivitäten ist in der Hauptsaison gesorgt. Von Bogenschießen bis Surfen, von Kunstprojekten bis zu Konzerten gibt es den ganzen Tag lang genug zu tun. Meine Zeit habe ich jedoch eher faul beim Lesen am Strand oder beim Arbeiten vor dem Bungalow verbracht.

Am Abend ging es oft in die Strandbar, zum Grillen bei neuen Freunden oder zum Picknick an den Strand. Auch wenn das Leben in Monta sehr entschleunigt ist (O-Ton: „An manchen Tagen muss man aufpassen, dass man beim Laufen nicht umkippt”), ist die Zeit verflogen, was daran liegen mag, dass ich einen extrem guten und langen Schlaf hatte.

 

Die Sache mit dem Nacktsein

Baboon (Pavian) ist die Bezeichnung für Neuankömmlinge im Camp, deren Hintern anfangs weiß und nach dem ersten Sonnenbad dann schnell rot wird. Diesen Spitznamen musste ich mir zwei Wochen lang gefallen lassen, bis auch meine sonst verdeckten Körperteile eine leichte Bräunung bekommen haben.

Vielen Menschen, mit denen ich hier im Camp gesprochen habe, geht es weniger um den Naturismus, als um den Ort an sich. Es geht vielmehr um das einfache und bewusste Leben in der Natur, als um krampfhaftes Nacktsein.

Ein paar Tage hat es gedauert, bis ich mich an den nackten Alltag und vor allem daran gewöhnt habe, dass bei schlechtem Wetter viele Leute hier nur oben rum bekleidet sind. Teilweise empfand ich es als sehr praktisch (z.B. am Strand oder beim Gang zur Dusche), teilweise aber auch nervig (z.B. beim Arbeiten mit dem Laptop auf dem Schoß oder die fehlenden Hosentaschen). Generell fühlte ich mich eher unwohl, wenn ich bekleidet zwischen all den Nackten war.

Schön ausgedrückt hat es jemand aus Andorra, den ich im Camp traf: „We have seen each other naked, so let’s cut the bullshit and get real.” Wenn die äußeren Hüllen erst einmal gefallen sind, ist die Distanz in Gesprächen sehr viel kleiner und es bedarf weniger Small Talk, um sich zu beschnuppern.

Oberflächliche Gespräche hatte ich im Naturistencamp so gut wie gar nicht, dafür viele interessante Begegnungen mit spannenden Menschen. Genau das ist es, was Monta für mich ausmachte.

2 km langer FKK-Strand von Montalivet
2 km langer FKK-Strand von Montalivet

 

Die Sache mit dem Campen

Im Vorfeld hatte ich mich so sehr auf das Nacktsein konzentriert, dass ich ganz vergessen haben, wie wenig ich Campingfan bin. Nach ein paar Tagen wurde mir bewusst, dass nicht das Nacktsein, sondern das Campen die eigentliche Herausforderung wird.

Nachts wenn die Blase drückt im Dunkeln schlaftrunken zum Toilettenhäuschen torkeln, dreckiges Geschirr zum nächsten Abwaschplatz bringen oder den Regen wie Hagelkörner auf dem Zeltdach hören – das sind die kleinen Dinge, die mich nach wie vor beim Campen stören.

Aber abgesehen von diesen alltäglichen Herausforderungen gefiel mir das einfache Leben gut. Die Tage glichen einander, wenn man das denn wollte. Selten plagte mich ein schlechtes Gewissen, wenn ich nicht so produktiv war, wie ich das gerne gewesen wäre.

Das Leben in der Natur hatte mich definitiv entschleunigt. Es ließ mich viele kleine Momente genießen, die ich mir in einer Großstadt nicht erlaubt hätte, z.B. stundenlanges Lesen, ziellose Spaziergänge und das Starren in den Himmel.

Der Alltag in Monta ähnelte dem Dorfleben. Immer wieder lief ich bekannten Gesichtern über den Weg, tauschte den neuesten Klatsch und Tratsch aus und schmiedete Pläne für den Abend.

Was mich total begeisterte, war die Hilfsbereitschaft untereinander. Es war von Anfang an ein nachbarschaftliches Verhältnis, so dass ich mich von Tag 1 an willkommen und integriert fühlte.

Barbecue mit neuen Freunden
Barbecue mit neuen Freunden

 

Die Menschen in Monta

Neben der vielen Zeit im Freien waren die Begegnungen vor Ort auf jeden Fall das ganz große Highlight. Circa 50% der Besucher sind Franzosen, 30% Deutsche und der Rest teilt sich vor allem zwischen Holland und Großbritannien auf.

Neben bekannten Schauspielern und Politikern leben dort Kreative, Musiker und Unternehmer. Die Dichte an interessanten Persönlichkeiten ist extrem hoch. Das ist die wahre Magie von Montalivet.

Wenn ich bekleidet in eine Bar gehe, schaue ich oft zuerst nach den Klamotten und dem Erscheinungsbild von Leuten. Ich fühle mich angezogen oder abgestoßen, ob ich das nun bewusst möchte oder nicht. Ich unterhalte mich mit den Menschen, die mir aufgrund ihres Auftretens sympathisch erscheinen. Wenn ich ganz ehrlich bin, dann sind 7 von 10 Gesprächen recht langweilig.

Im FKK-Camp hatte mein Kopf keine Chance, Menschen nach ihrem Äußeren einzuteilen, wodurch das Verhältnis zwischen interessanten Gesprächen und langweiligen Small Talks um ein Vielfaches positiver ausfiel.

Von nicht wenigen Leute hörte ich, dass sie bereits in der dritten Generation nach Monta kommen. Wer seine Kindheit dort verbracht hatte, scheint sich dem Bann nicht mehr entziehen zu können und kommt Jahr für Jahr wieder.

 

Nachdem mir die Selbstversuche der ersten fünf Monate in 2018 so einiges an Disziplin und Qualen abgefordert haben, war dieser Monat in Montalivet die absolute Entspannung. Ich durfte einfach nur (nackt) sein, tolle Menschen kennenlernen und zur Ruhe kommen.

Auch wenn ich immer noch kein großer Campingfan geworden bin, steht für mich außer Frage, dass ich in das CHM Camp zurückkehren werde. Empfehlen kann ich solch ein naturistisches Erlebnis also zu 100%.

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