Der Pilger: 763.903 Schritte auf dem Franziskusweg nach Rom

Jeden Tag die gleichen Sachen tragen, in einfachen Unterkünften nächtigen und stundenlang mit meinem Gepäck auf dem Rücken laufen. Einen Monat lang bin ich gepilgert, von Florenz nach Rom, 600 km durch die Berge Umbriens. In guter Pilger-Manier habe ich den Weg das Ziel gemacht.

Im Jahr 2018 begibt sich Sebastian auf eine Reise. 12 Rollen in 12 Monaten. Unter anderem lebt er anonym, frutarisch, nackt, pilgernd und autark. Die Experimente stehen für das Neue, für den Schritt heraus aus der Komfortzone. Seine verrückten Erlebnisse und Erkentnisse hat er in einem unterhaltsamen Buch aufgeschrieben.

Zum Buch "12 Neue Leben"

Hintergrund zum Selbstversuch: Der Pilger

Meine Leser hatten abgestimmt. Im Oktober 2018 sollte ich mich als Pilger laufend auf den Weg machen. Ich wollte also 30 Tage lang mit einem Streckenpensum von 500 – 800 km pilgern. Dabei wollte ich erfahren, was die Verbundenheit mit der Natur, die Gespräche mit anderen Pilgern und die Einsamkeit mit mir macht. Welche Gedanken und Erkenntnisse kommen einem Pilgerer, der einen Monat lang nur ein Ziel hat: anzukommen.

Ziele und Regeln für den Selbstversuch:

  • einen Pilgerpfad von 500 – 800 Kilometer Länge laufen
  • übernachten in Pilgerherbergen und bei Familien vor Ort
  • Gespräche mit anderen Pilgern suchen und deren Motivation verstehen
  • das Wandern als meditative Reise zu mir selbst ausprobieren

 

Vor ziemlich genau 10 Jahren sind wir mit zwei Freunden die letzten 200 Kilometer bis Santiago de Compostela auf dem Jakobsweg gepilgert. Die Idee kam uns im Anschluss an einen Spanien-Trip recht spontan, weshalb wir in Sportschuhen und mit 15 Kilogramm Gepäck auf dem Rücken unterwegs waren.

Damals sind wir spätestens um 6 Uhr mit Dutzenden anderer Pilger im Kampf um ein Bett im nächsten Schlafsaal losgelaufen. Wirklich allein zu sein, war unmöglich. Es hat sich eine komplette Industrie rund um die 300.000 Pilger gebildet, die jährlich den Camino laufen.

Der Franziskusweg von Florenz über Assisi nach Rom war ein anderes Erlebnis. Es gab keinen Pilgertourismus, mehr Berge und kaum Schlafsäale. Die wenigen Pilger, die ich traf, waren eher Naturliebhaber, als Menschen mit Sinnkrisen oder religiösen Absichten.

In 23 Etappen bin ich durch wunderschöne Landschaften gewandert, von Olivenhainen über einsame Bergdörfer bis hin zu alten Klöstern, die die Geschichte des Franz von Assisi erzählen. Nützliche und nutzlose Fakten vom Pilgerweg hier kurz zusammengefasst:

  • 600 Kilometer waren es von Florenz nach Rom. Wofür der japanische Maglev-Zug eine Stunde braucht, hat bei mir 131 Stunden gedauert.
  • In 23 Tagesetappen (+ 1 Tag Pause) bin ich in durchschnittlich 5:40 Stunden 26 Kilometer gelaufen, was 33.213 Schritten pro Tag entspricht.
  • Mit 21.337 Höhenmetern habe ich quasi 2,5 Mal den Mount Everest erklommen.
  • Die letzten 3 Kilometer waren bei jeder Etappe die schwersten, egal ob diese 20 oder 55 Kilometer lang war.
  • Unterkünfte haben zwischen 30 – 50 Euro gekostet. Die besten Nächte hatte ich immer in Agriturismos.
  • Pro Tag habe ich im Schnitt 2 – 3 andere Pilger im Alter von 30 – 70 Jahren getroffen, die sich meist einen lang ersehnten Wandertraum erfüllt haben.
  • T-Shirts aus Merinowolle kann ich vier Tage am Stück vollschwitzen bis ich mich selbst anstinke.
  • Alleine laufen ist solange schön, bis es zu regnen beginnt und ich den Regenponcho über mich und meinen Rucksack ziehen muss.
  • Zebrastreifen sind in Italien reine Straßendekoration. Es scheint auch ein Gesetz zu geben, dass das Autofahren ohne Handy am Ohr verbietet.

 

 


 

Zur Vollbildansicht der Wanderstatistiken

 


 

 

Florenz nach Santo Stefano

Tag 5. Gelaufene Kilometer: 123. Verbleibende Kilometer: 477.

Die Tour begann an der Franziskanerkirche Santa Croce. Nachdem die Straßen von Florenz hinter mir lagen, ging es über kleine Schotterpisten sofort rauf auf die Berge. Stundenlang sah ich weder andere Menschen noch Ortschaften.

Am ersten Tag bin ich ohne Verpflegung losgelaufen, da ich davon ausging, alle paar Kilometer durch Orte zu kommen, in denen ich Essen bekommen würde. Das ist mir nur einmal passiert. Ab dem zweiten Tag hatte ich immer Äpfel, Kekse und Schokolade dabei.

Ich übernachtete in alten Landhäusern, in die Jahre gekommene Pensionen und Herbergen. Jeden Tag ging es mehr als 1.000 Meter hoch und nach einer Mittagspause auf dem Gipfel wieder runter. Ich lief vorbei an Olivenhainen, durch kleine Dörfer, ab und an begegnete ich streunenden Hunden und älteren italienischen Damen, die freundlich grüßten.

Der Muskelkater in den Oberschenkeln und die Blasen an den Füßen erinnerten mich bei jedem Schritt daran, im Moment zu bleiben. Mal schweiften die Gedanken ab, dann waren sie weiter ganz hier, bei meinem Körper, den Geräuschen und Gerüchen um mich herum.

Am zweiten und dritten Tag regnete es fast durchgehend. Mit Regenponcho alles halb so schlimm. Ich merkte, wie wenig meine Stimmung abhängig von äußeren Umständen sein muss, wenn ich es nicht zulasse.

Eine der wenigen Begegnungen hatte ich mit Gunnar. Der wohl 60-jährige Vorsteher eines evangelischen Vereins fragte mich nach meiner Konfession. “Keine”, “Schade”, sagte er betrübt. Ich erklärte ihm, dass ich auf der Suche nach meiner eigenen Wahrheit sei, was ihm nicht gefiel.

Daraufhin hielt er mir einen Vortrag über Franz von Assisi, der um 1200 auf diesen Pfaden gewandert war. Zwischen den Zeilen gibt er mir unmissverständlich zu verstehen, dass ich auf diesem Weg nichts verloren hätte. Nachdem er sich dann über die schlechten, viel zu teuren Unterkünfte ausließ, zwängte er seinen wohlgenährten Bauch wieder in einen VW Bus, in dem er die Rucksäcke seines 12-köpfigen Pilgervereins von einem Ort zum nächsten brachte.

So ironisch diese Anekdote klingen mag, wurde ich in diesen ersten Tagen zweimal kritisch nach meiner Konfession gefragt. Das machte mich nachdenklich. Ohne diese isolierten Begegnungen pauschalisieren zu wollen, hatten sie für mich nichts mit Nächstenliebe, sondern einzig mit der Liebe zur eigenen Wahrheit zu tun. Das ist schade. So sehr ich an das Göttliche glaube, so sehr stoßen Konfessionen und feste Glaubensregeln auf einen inneren Widerstand in mir.


 

 

Santo Stefano nach Assisi

Tag 12. Gelaufene Kilometer: 295. Verbleibende Kilometer: 305.

Ich kam immer besser in den Wander-Flow. Ab und zu meldeten sich die Schultern oder Füße, weil sie eine Pause brauchten. Ansonsten lief ich ein Tagespensum von 20 – 30 Kilometern, versank in Gedanken und erfreute ich mich an der Natur.

Besonders die Strecke von Gubbio über Valfabbrica bis Assisi und weiter nach Spello war ein absoluter Wandertraum. Es ging an steilen Abhängen entlang, vorbei an alten Klöstern und kleinen Bergdörfern. Meine Wasserflasche konnte ich immer wieder mit frischem Quellwasser auffüllen.

Es war wahrlich ein Geschenk, jeden Tag sechs Stunden lang mit mir und der Natur zu sein, weg von all dem Lärm und den sonst so wichtig erscheinenden Dingen des Alltags. Ich nahm mir vor, auch in Zukunft mehr Ruheoasen in meinem Leben zu schaffen.

Immer öfter begegnete ich Denkmälern, Klostern und anderen Spuren von Franz von Assisi, der in Umbrien viele Spuren hinterlassen hat. Franz (oder Franziskus) ist 1182 in Assisi geboren und 1226 gestorben. Nach der Gründung der Minderen Brüder, die heute Franziskaner heißen, wurde er von der Kirche heiliggesprochen. 1209 ging Franz mit einigen Gefährten von Assisi nach Rom, um vom Papst die Bestätigung für seine Glaubensgemeinschaft zu erbitten.

Sein Geburtsort und heutiges Weltkulturerbe ist mittlerweile dem Massentourismus verfallen, was ich aufgrund der Schönheit gut verstehen kann. All die Souvenirshops, Unterkünfte und Restaurants, die ich bis dahin nicht sah, bekam ich in Assisi auf einen Schlag.

Zwei Nächte blieb ich. Am Tag dazwischen schaute ich mir die Stadt an, ging in den Nachbarort Santa Maria degli Angeli (wo sich die Sterbekapelle von Franz und gleichzeitig der Ursprungsort der Franziskaner befindet) zum Gottesdienst und zur franziskanischen Einsiedelei Eremo delle Carceri.

Assisi selbst war nur am Abend schön. Tagsüber drängten sich massenweise Touristen und McDonalds-Lieferwagen auf den kleinen Gassen. So beeindruckend die Architektur war, so wenig Charme hatte dieses bunte Treiben für mich. Das lag wohl auch daran, dass mich die vielen Menschen und Lichter nach den letzten Tagen der Ruhe überforderten.


 

 

Assisi nach Stroncone

Tag 17. Gelaufene Kilometer: 469. Verbleibende Kilometer: 131.

In diesen Tagen lief ich sehr viel, durchschnittlich 35 Kilometer am Tag. Es ging streckenweise auf geteerten Straßen entlang. Auch wenn sich der Verkehr in Grenzen hielt, überwog das „Strecke machen” der Wanderromantik. Eine Ausnahme war die Etappe von Spoleto nach Ferentillo, die landschaftlich gesehen ein Traum war.

Oft hatte ich mich gefragt, warum ich diesen Weg laufe. Was will ich damit erreichen? Was finden? Wenn mich andere Pilger fragten, ob ich die deutsche oder italienische Route laufe und welchen Reiseführer ich benutze, hatte ich keine Antwort. Genauso hielt ich mich bei Diskussionen um Wanderschuhe, GPS-Geräte und Konfessionen zurück.

Ich lief einfach nur. Jeden Tag. Schritt für Schritt. Rom ist das Ziel. Wenn ich unterwegs etwas fand, war das schön. Wenn nicht, war das auch okay. Zu selten tue ich Dinge, ohne ein Ergebnis zu erwarten. Sport, Arbeit, Lesen, ja sogar die Freizeit wird geplant und oft geht es dabei um Effizienz, Weiterentwicklung und Output.

Das ist beim Pilgern anders. Es ging um das Tagesziel und das Finden der nächsten Unterkunft. Dabei wanderte ich, soweit mich meine Füße trugen, ohne Ehrgeiz und Erwartungen.

In Spello schlief ich im Casa Religiosa Di Ospitalità Nazareno, einer religiösen Einrichtung, die stark an ein Krankenhaus erinneret. Am folgenden Morgen traf ich auf David aus Nigeria, der vor einem Supermarkt bettelte. Wir aßen Frühstück zusammen – Pizza, Schokolade und Cola.

David erzählte mir, wie er über viele Umwege nach Italien gekommen war und um seine Arbeitserlaubnis gekämpft hatte. Obwohl er mit seinem holprigen Italienisch keinen Job als Kfz-Mechaniker fand, war er voller Hoffnung und Dankbarkeit. Nach zwei Stunden wünschte ich ihm alles Gute und verabschiedete mich. Begegnungen wie diese machten den Weg für mich einzigartig.

In Stroncone legte ich einen Tag echte Pause ein. Neben einem kurzen Spaziergang zum lokalen Supermarkt bewegte ich mich nicht weiter als vom Sofa zur Toilette. Das kleine Bergdorf war perfekt, um die müden Beine zu entspannen. Aber, so nötig diese Ruhe war, so schwer fiel mir das Loslaufen am Folgetag.

 

Stroncone nach Rom

Tag 24. Gelaufene Kilometer: 600. Verbleibende Kilometer: 0.

Die letzten Etappen waren relativ flach. Es wurde urban. Nachdem ich in den ersten drei Wochen teilweise Schwierigkeiten hatte, Lebensmittel und Unterkünfte zu finden, gab es auf dem letzten Streckenabschnitt wieder Supermarktketten und zahlreiche Schlafgelegenheiten.

Für die verbliebenen gut 100 Kilometer ließ ich mir mehr Zeit. Das führte dazu, dass ich bekannte Gesichter wiedertraf. Wir liefen das gleiche Tempo und begegneten uns tagsüber oder abends beim Essen.

In den Gesprächen mit anderen Pilgern kam heraus, dass einige von ihnen einfach nur gerne Wandern. Andere wollten etwas Vergangenes loslassen, standen vor einem Umbruch und suchten nach Klarheit für die Zukunft. Für beide Motive ist der Franziskusweg bestens geeignet.

Ich freute mich auf Rom und darauf, wieder frische Klamotten anzuziehen. Immer öfter erwischte ich mich dabei, den guten Geruch von vorbeilaufenden Menschen aufzusaugen. All diese Wochen trug ich die gleiche Kleidung, die ich alle paar Tage per Hand wusch. So schön die Einfachheit des Pilgerlebens war, so sehr sehne ich mich nach Waschmaschine und Körperpflege.

Meine romantische Vorstellung davon, mit Blick auf den Petersdom in Rom einzulaufen, blieb eine Fantasie. Die Reise endete, wie sie begann – unspektakulär im Regen. Die letzten 20 Kilometer hatten eher durch Verkehr und weniger schöne Vororte bestochen.

Aber schließlich war der Weg das Ziel und dieser war wunderschön. Bis auf die ersten Tage und den Einlauf nach Rom hatte ich bestes Wetter, einige tolle Begegnungen und traumhafte Aussichten.

Nach 24 Tagen, ziemlich genau 600 Kilometern, 21.000 Höhenmetern und 131 Stunden reiner Wanderzeit kam ich an dem Franziskusdenkmal vor der Basilika von St. Johann (dem Papst zu Zeiten des Franz von Assisi) an.

Als ich am Abend dann noch ohne Rucksack durch die Stadt gelaufen war, um Pantheon und Petersdom zu sehen, war ich wie beflügelt. Ich hatte mich so an das Gewicht meines Rucksacks gewöhnt, dass ich ohne diesen sehr leichtfüßig unterwegs war. Immer wieder erstaunlich, wie schnell ich mich an Dinge wie 10 kg Ballast auf dem Rücken gewöhnen kann.


 

 

Gedanken vom Weg

Um es vorsichtig auszudrücken, war meine Vorbereitung suboptimal. Eingepackt habe ich in den 38-Liter-Rucksack jeweils ein Set Wandersachen (kurze Hose, T-Shirt, dünne Jacke) und ein Set Wohlfühlsachen (Jogginghose, Baumwollshirt, Fleece Pullover), zwei Paar Wandersocken, vier Unterhosen, ein schnelltrocknendes Handtuch, Wasserflasche und Thermobecher für Tee, Flip Flops und einen Reiseführer.

Auch dabei war mein Laptop, da ich an den Abenden meist noch etwas arbeitete. Das stieß bei anderen Pilgern genauso auf Unverständnis wie das Hören von Musik oder Hörbüchern beim Wandern, was ich gelegentlich tat.

Gewandert bin ich in Winterschuhen. Gute Lederschuhe, aber eben keine richtigen Wanderschuhe. Meine mangelnde Wandererfahrung und der Sturkopf in mir, der für diese eine Wanderung keine neuen Schuhe kaufen wollte, wurde bereits am ersten Tag mit fetten Blasen belohnt.

Auch hatte ich kein GPS-Gerät oder eine topografische Karte dabei. Navigiert bin ich nach einer groben Route in der Wander-App Komoot, Eckpunkten aus dem Reiseführer und der teilweise verwirrenden Beschilderung am Weg. Freiwillige und unfreiwillige Umwege haben zu 10% mehr Strecke geführt als geplant.

Würde ich es beim nächsten Mal anders machen? Ich glaube nicht. Bessere Schuhe vielleicht, aber nur, wenn ich diese regelmäßig nutze. Ich bin ein großer Fan der 80/20-Regel. Mit 20 % Einsatz 80 % der Ergebnisse erzielen. Oder mit 20 % Planung für 80 % aller Eventualitäten absichern.

Das Pareto-Prinzip beschreibt ziemlich gut, wie ich mein Leben bestreite. Wenn ich die wichtigsten 20 % der Informationen habe, mache ich mich auf den Weg. Den Aufwand, um die letzten 20 % Risiko aus dem Weg zu räumen, halte ich für unverhältnismäßig hoch. Hier hat natürlich jeder ein anderes Bedürfnis von Sicherheit.

Für die mangelhafte Planung nahm ich unfreiwillige Umwege in Kauf, die mich an schöne Orte führten. Nicht immer bekam ich die besten Unterkünfte, konnte dafür aber durch die kurzfristige Buchung oft sparen und war flexibel. Und die unnötigen Blasen an den Füßen hatten mich nach ein paar Tagen auch nicht mehr gestört.

Gute Ausrüstung und das Gewicht des Rucksacks sind wichtig. Noch viel wichtiger ist es aber, loszulaufen. Das Loslaufen wird umso schwieriger, je mehr Zeit mit der Planung verbracht wird.

Nicht zum ersten Mal in diesem Jahr stelle ich fest, wie schnell Körper und Geist vorhandene Grenzen erweitern können. Jeder, der schon mal einen Marathon gerannt ist, kennt das. Vor dem Lauf erscheinen die 42 Kilometer unerreichbar. Nach der Ziellinie suchen wir schon die nächste Herausforderung.

Was beim Marathonlauf passiert, geschieht andauernd im Leben. Referenzpunkte oder Standards verschieben sich, wenn ich mich regelmäßig neuen Herausforderungen stelle.

Ob mein Rucksack 10 oder 12 kg wiegt, mein Rücken merkt den Unterschied nicht. Wäre ich mit 20 kg losgelaufen, hätte ich mich an diesen Referenzpunkt gewöhnt. Dann hätten sich 15 kg nach zwei Wochen federleicht angefühlt. Wenn ich auf meine 10 kg aber 5 kg draufpacken würde, wäre das eine Qual.

Genauso gewöhnten sich meine Füße schnell an die weniger geeigneten Schuhe. Die Blasenpflaster hatte ich nach den ersten Tagen abgemacht. Auch wenn es jetzt sicher nicht mehr zu einer Karriere als Fußmodell reicht, weiß mein Körper, wie er mit den wunden Stellen umgehen muss. Das ist keine „Nur die Harten kommen in Garten”-Einstellung, sondern die einfache Tatsache, dass wir uns an so ziemlich alles gewöhnen.

Jeder neue Referenzpunkt wird zu einem Standard. Ich gewöhne mich an Schuhe, das Gewicht im Rucksack, meine stinkenden Socken und die einfachen Unterkünfte. Genauso gewöhne ich mich an mein Einkommen, meine Gadgets und meine Glaubenssätze. Wenn ich mich weiterentwickeln möchte, muss ich diese Referenzpunkte anheben.

Zum Abschluss möchte ich noch ein (vorübergehendes) Fazit zum Franziskusweg ziehen. Allen Wanderfreunden und Sinnsuchenden kann ich den Pilgerpfad wärmstens empfehlen. Die Natur, Ruhe und Gastfreundlichkeit sind wirklich einzigartig.

Unter anderen Umständen hätte der Franziskusweg mein Leben ganz sicher nachhaltig beeinflusst. Jetzt war es nur ein weiterer von zwölf Selbstversuchen. Seit Anfang des Jahres bin ich jeden Monat an meine körperlichen und mentalen Grenzen gegangen. Ich hatte gehungert, geschwitzt, mich einsam gefühlt und unter Schlafentzug gelitten. Im Oktober 600 Kilometer über die Berge Umbriens zu pilgern, fühlte sich fast schon wie ein Spaziergang an.

Ich bin abgestumpft, kann all diese neuen Reizen nicht mehr verarbeiten. Zehn Monate lang habe ich mich an den Grenzen meiner Komfortzone bewegt. Mein Handlungsspielraum und meine Sicht auf die Welt haben sich enorm vergrößert.

Gleichzeitig sorgen diese Extreme dafür, dass ich weniger empfänglich für neue Eindrücke bin. Ich merke, dass ich unbedingt eine lange Zeit der Ruhe brauche, um all das Geschehene richtig einzuordnen.

Es scheint ein ständiger Spagat zwischen dem Erweitern meiner eigenen Grenzen und Zeiten der Reflexion zu sein. Ich glaube, für eine innere Balance braucht es beide Seiten – Phasen des Wachstums und der Ruhe. Das Laufen hat beim Finden dieser Balance definitiv geholfen.

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